Die Schloßkirche
Evang. Schloß- und Stiftskirche St.Michael zu Pforzheim
800 Jahre
Kunst+Kirchengeschichte
Seit mehr als 800 Jahren gibt es dieses wunderbare Gotteshaus. Früher war es eingebettet in eine historischen Altstadt. Jetzt veranschaulicht als lebendiger Erinnerungsort allein die Schloßkirche die historische Dimension der Stadt Pforzheim.
Die folgende Präsentation bietet einen Überblick über Kunst + Kirchengeschichte.


Der Westbau mit seinem romanischem Portal wird als Bauteil einer Michelskirche zur landesherrlichen Burganlage auf dem Schloßberg errichtet. Zu Füßen des Schloßbergs entsteht zeitgleich die planmäßige Stadtanlage.
1959 – Der Bildhauer Jürgen Weber (Braunschweig) gestaltet im Auftrag der Stiftung der Freunde der Schloßkirche das Bronzeportal. Als zentrales Bildmotiv erscheint der Erzengel Michael als Kirchenpatron, weitere figürliche Szenen verbildlichen Erzählungen aus den Evangelien.

Die Stadtneugründung und die landesherrliche Burg kommen durch Heirat in den Besitz der Markgrafen von Baden. Der Besitzwechsel gibt dem Weiterbau der Kirche einen kräftigen Schub: Die Kirchenhalle als Basilika mit seitlichen Umgängen wird in Stilformen der Gotik eingewölbt, dann in Richtung Osten mit drei Chorabschlüssen versehen. Der Reichtum an Grabplatten und Grabdenkmälern veranschaulicht bis heute die lange Nutzungsgeschichte und landesweite religiöse Bedeutung des Gotteshauses.

Die badischen Markgrafen fördern das Bildungswesen, gründen gemeinsam mit den Bürgern das Gelehrtenstift St. Michael. Die Pforzheimer Lateinschule bringt berühmte Schüler wie Johannes Reuchlin und Philipp Melanchthon hervor. Für das Gelehrtenstift wird um 1470 in Stilformen der Spätgotik als lichtes Juwel der Stiftschor angebaut. Die Pläne dazu liefert der markgräfliche Baumeister Hans Spryß aus Pforzheim.

Der Kupferstecher Matthäus Merian hält das mittelalterliche Bild der Stadt Pforzheim fest. Der Bildausschnitt markiert die Türme der markgräflichen Burg (G) und der Schloßkirche (H) auf dem Schloßberg, die das mittelalterliche Stadtbild bekrönen.

Pforzheim wird unter Markgraf Karl II. evangelisch, die Schloßkirche zum Ausgangspunkt der Kirchenreformation in Baden. Doch sie verliert ihre Funktion als Pfarr- und Stiftskirche. Stattdessen lässt die markgräflich-badische Familie den Stiftschor zur Grablege umgestalten und mit prächtigen Grabdenkmälern in Stilformen der Spätrenaissance ausschmücken.

Die Funktion der Pfarrkirche wird reaktiviert, die Schloßkirche erhält ab 1831 auf Initiative der badischen Großherzöge eine Ausstattung im restaurativen Stil des Historismus. Die benachbarte Burg auf dem Schloßberg hingegen wird abgebrochen.

Bei einem verheerenden Luftangriff wird das Gotteshaus weitgehend zerstört, mitsamt der umgebenden Altstadt und dem 1924 eingerichteten städtischen Reuchlin-Museum. Fast 18.000 Menschen verlieren ihr Leben.

Die Schloßkirchenfreunde gründen eine bürgerliche Stiftung, erbitten »Hilfe zum Wiederaufbau«, sammeln Unterstützung und kümmern sich um die Sicherung der Kirchenruine. Die Landesregierung organisiert in Regie des Staatlichen Hochbauamts Nordbaden die Instandsetzung nach denkmalpflegerischen Grundsätzen. Am 22. September 1957 kann das Gotteshaus feierlich wiedereingeweiht werden.

Die Schloßkirchenfreunde rufen Bürger und örtliche Firmen zu Spenden auf: Das Gotteshaus erhält im Dialog mit der mittelalterlichen Bausubstanz seine prächtige künstlerische Ausstattung mit zeitgenössischen Farbglasfenstern. Die Entwürfe stammen von drei namhaften Künstlern der klassischen Moderne: Klaus Arnold (Karlsruhe) – Valentin Feuerstein (Heidelberg) – Charles Crodel (München). Seither präsentiert sich das Innere der Schloßkirche als herausragendes Gesamtkunstwerk der Nachkriegsmoderne.

Die Freunde der Schloßkirche e. V. sorgen für den Wiederaufbau des Reuchlinkollegs als Erinnerungsstätte für den aus Pforzheim gebürtigen europäischen Humanisten Johannes Reuchlin (1455–1522). Den Ausstellungsraum aus Stahl und Glas entwirft der Architekt Prof. Bernhard Hirche aus Hamburg. Den Betrieb des Museums übernimmt die Stadt Pforzheim.

Der Innenraum wird behutsam umgestaltet, die Orgel reorganisiert. Die preisgekrönten Entwürfe dazu liefern der Architekt Werner Sandhaus (Freiburg) sowie der Lichtplaner Matthias Friedrich (Karlsruhe). Seitdem lädt die Schloßkirche St. Michael als ökumenische Citykirche zum Besuch ein: Sie ist tagsüber geöffnet (April – Oktober). Außerdem bietet die Evangelische Kirchengemeinde Themengottesdienste und musikalische Veranstaltungen an.
Kunst in der SCHLOSSKIRCHE
Die Farbglasfenster

1959-1967
DIE FARBGLASFENSTER
Die Schloßkirchenfreunde rufen Bürger und örtliche Firmen zu Spenden auf: Das Gotteshaus erhält im Dialog mit der mittelalterlichen Bausubstanz seine prächtige künstlerische Ausstattung mit zeitgenössischen Farbglasfenstern. Die Entwürfe stammen von drei namhaften Künstlern der klassischen Moderne: Klaus Arnold (Karlsruhe) – Valentin Feuerstein (Heidelberg) – Charles Crodel (München). Seither präsentiert sich das Innere der Schloßkirche als herausragendes Gesamtkunstwerk der Nachkriegsmoderne.

1959
CRODEL-FENSTER IM WESTBAU
Der renommierte Münchener Maler Charles Crodel (1894-1973) gestaltete das ungleiche Paar der Farbglasfenster im romanischen Westbau, das 1959 Signalwirkung für die künstlerische Ausgestaltung des Gotteshauses mit Farbglasfenstern entfaltete. Das Bildmotiv der Gesetzestafeln Moses korrespondiert mit dem Motiv des Neuen Jerusalem im zentralen Fenster des Stiftschors über 60 m Entfernung.



1966-1967
ARNOLD-FENSTER IN DER KIRCHENHALLE
1966 erhielt der Maler und Bildhauer Klaus Arnold (1928-2009), Rektor der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, den Auftrag zur Ausgestaltung von Langhaus und Nordkapelle mit Farbglasfenstern. Arnolds umfangreicher Zyklus abstrakt gehaltener Glasfenster imaginiert in leuchtenden, Blau-, Rot-, Orangentönen die biblische Schöpfungsgeschichte. Sie bilden ein Hauptwerk in Arnolds künstlerischem Schaffen.

1966-1967
ARNOLD-FENSTER IN DER NORDKAPELLE
Klaus Arnolds vier Fenster in der hochgotischen Nordkapelle kreisen um Leid, Sterben und religiöse Hoffnung durch den Bund Gottes mit den Menschen.

1962-1965
FEUERSTEIN-FENSTER IN DEN DIAGONALCHÖREN
Nach Entwürfen des Heidelberger Glasmalers und Restaurators Valentin Feuerstein (1917-1999) entstanden Mitte der 1960er Jahre die Fenster in den Diagonalchören zu Themen der Pforzheimer Stadtgeschichte (Nordseite) sowie zur christlichen Taufe (Südseite).



1960-1962
CRODEL-FENSTER IM STIFTSCHOR
Den Farbfenster-Zyklus im Stiftschor, dem lichten spätgotischen Juwel der Schloßkirche St. Michael, schuf in den Jahren 1960 bis 1962 Charles Crodel (1894-1973). Dieser zählt zu den renommierten, in der NS-Zeit verfemten Künstlern der klassischen Moderne. Seine Künstlersignatur ist im nordostseitigen Fenster (unten) zu finden. Die Bildmotive kreisen um den Themenkreis der biblischen Apokalypse des Johannes. Crodel experimentierte mit einer Cartoon-ähnlichen Bildsprache, die aus der christlichen Ikonografie schöpft. Bedeutende Glasbildwerke von Crodel finden sich auch in zahlreichen weiteren Kirchen in West- und Ostdeutschland.
Die SCHLOSSKIRCHE
Stiftschor und Grablege
Als Teil des Museum Johannes Reuchlin ist der Stiftschor der Schloßkirche zugänglich.
Dieser Raum bietet mehrere Highlights:
- die spätgotische Chorschranke (Lettner)
- die Deckengewölbe aus spätgotischer Zeit
- die Grablege der badischen Markgrafen
- die Farbglasfenster des Künstlers Charles Crodel
- die Klanginstallation »Genesis« als musikalisches Raumerlebnis


Die Grablege der markgräflich-badischen Familie

Mit der Einführung der Reformation (1556) in der Markgrafschaft Baden-Pforzheim verlor die Schloßkirche in der Regierungszeit von Markgraf Karl II. ihre Funktion als Pfarr- und Stiftskirche. Den Stiftschor ließ der Markgraf stattdessen zur repräsentativen Grablege der Familie des markgräflich- badischen Fürstenhauses umgestalten. Aufwändige Grabdenkmäler im späten Renaissancestil prägen seither an drei Wandseiten das Raumbild.
Damals trat an die Stelle des Hochaltars das reich dekorierte Grabdenkmal für Markgraf Karl II. von Baden-Durlach, gest. 1577, nebst seiner ersten Gemahlin Kunigunde geb. Markgräfin von Brandenburg-Ansbach und seiner zweiten Gemahlin Anna geb. Pfalzgräfin bei Rhein Zweibrücken-Veldenz. Die reichen Dekorationen aus Andernacher Tuffstein zeigen ausgereifte, niederländisch beeinflusste Renaissanceformen. Das Grabdenkmal wurde noch zu Lebzeiten Karls II. um 1576/77 begonnen, die Vollendung ist »1579« datiert und als Werk des Bildhauers Johannes Trarbach bezeugt. Das Kunstwerk entging der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, weil das badische Denkmalamt 1943 rechtzeitig für eine Schutzmauer gesorgt hatte.


Im Zentrum des Raumes steht das freistehende Hochgrab (Tumba) mit den Liegefiguren des Markgrafen Ernst von Baden (1482-1553) und seiner Gemahlin Ursula von Rosenfeld, gest. 1538. Dieser Markgraf, der Vater Karls II., begründete nach einer Erbteilung die Residenz in Pforzheim, baute das Neue Schloss und bestimmte den Stiftschor zur Grablege für seine hochadelige Familie. Das künstlerisch aufwändige Grabdenkmal zeigt die Stammeltern der markgräflich-badischen Familie. Diese regierte bis 1918 das Großherzogtum Baden, die Nachfahren leben heute in Salem am Bodensee.

Im Stiftschor der Schloßkirche sind insgesamt 67 Mitglieder des Hauses Baden beigesetzt, darunter acht regierende Fürsten, zuletzt Großherzog Karl Friedrich von Baden (1811). Die Beisetzungen erfolgten zunächst in gemauerten Einzelgrüften im Chorraum, später in zwei unterirdischen Sammelgrüften, der Nord- und Südgruft.

Der Verbindungsgang zwischen Nord- und Südgruft erhielt sein heutiges Erscheinungsbild im Jahr 1808 nach Entwürfen des großherzoglich-badischen Hofarchitekten Friedrich Weinbrenner.
Ein Blick in die Familiengruft und die dort aufgebahrten Särge ist alljährlich am Tag des offenen Denkmals möglich, dem zweiten Sonntag im September (siehe Ankündigung im örtlichen Programm).
Was ist mit Kaspar Hauser?

Ein ominöses Gerücht, zahllose Bücher und Zeitungsbeiträge motivierten immer wieder Sensationslustige, einen Blick in die markgräflich-badische Familiengruft im Stiftschor mit den dort aufgebahrten Särgen werfen zu wollen.
Warum? Am 26. Mai 1828 tauchte ein Jugendlicher namens Kaspar Hauser unvermittelt in Nürnberg auf, der weder lesen noch schreiben konnte. Für manche bot der Fall des in Isolation aufgewachsenen Findelkinds Aufsehen genug, doch ein zeitgenössisches Gerücht behauptete, Hauser sei der 1812 geborene Erbprinz von Baden, den man gegen einen verstorbenen Säugling ausgetauscht und ausgesetzt habe, um Erbprinz Leopold aus der Ehe von Großherzog Karl Friedrich und Luise Karoline Geyer von Geyersberg die Thronfolge zu sichern. Während Kaspar Hausers letzte Ruhestätte unstrittig in Ansbach zu finden ist, vermuteten die verschworenen Anhänger des spekulativen Gerüchts den Sarg des ersatzweise beigesetzten Kindes in der fürstlichen Familiengruft in Pforzheim. Zweihundert Jahre lang war diese Verschwörungstheorie Gegenstand öffentlicher Diskussionen.
2024 ging eine internationale Gruppe von Forschenden unter der Leitung des Gerichtsmediziners Walther Parson an der Universität Innsbruck den Gerüchten mit der aktuellen kriminalistischen Methode der DNA-Analyse nach. Sie glichen jene Proben ab, die einerseits Kaspar Hauser zugeordnet werden können, andererseits den weiblichen Nachkommen aus der Ehe von Erbprinz Karl von Baden und Stéphanie Beauharnais, der angeblichen Mutter. Das Resultat: Eine Herkunft des ausgesetzten Findelkindes aus dem badischen Fürstenhaus kann mit großer Sicherheit ausgeschlossen werden. Veröffentlicht ist der entsprechende Beitrag in der September-Ausgabe 2024 des Open-Source-Journals iScience (Parson et al., iScience 27, 110539 September 20, 2024, published by Elsevier Inc. https://doi.org/10.1016/j.isci.2024.110539).
Die Mehrzahl der Historiker und Rechtshistoriker hegte schon immer begründete Zweifel an einer Verbindung der Kaspar-Hauser-Story zum badischen Fürstenhaus. Großherzogin Stéphanie Beauharnais selbst, die im Jahre 1860 als letzte Angehörige des badischen Fürstenhauses in der Pforzheimer Fürstengruft mit großem Pomp beigesetzt wurde, wies die Gerüchte um Kaspar Hauser entschieden zurück: Diese seien »une fable insensée«, eine unsinnige Fabel.
zum mitnehmen
Publikationen

Der Schloßkirchenführer
Herausgegeben von den Freunden der Schloßkirche e. V., erhältlich im Museum Johannes Reuchlin gegen Schutzgebühr.

Die Farbglasfenster der Schloßkirche
Broschüre, herausgegeben von den Freunden der Schloßkirche e. V. Erhältlich im Museum Johannes Reuchlin gegen Schutzgebühr.
